Museumsvisionen

Ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Museumsinselwettbewerbs von 1883 und seiner vielen Schwestern
Ansicht Entwurf Gustav Bohnsack abgebildet bei Hermann Rückwardt | Quelle: hitekturmuseum der Technischen Universität Berlin | Copyright: Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin

Draft of Gustav Bohnsack, blueprint by Hermann Rückwardt | Copyright: Architekturmuseum TU Berlin

Im Frühjahr 1884 tagte in Berlin eine erstklassige Jury, zu der unter anderem der Altphilologe Richard Schöne als Generaldirektor der Königlichen Museen, Ernst Curtius als Direktor der Antikensammlungen und Friedrich Adler, einer der Ausgräber von Olympia und Architekt des wohl ersten Ausgrabungsmuseums gehörten. Es ging um die Bewertung jener 52 Entwürfe, die zur am 12. Juni 1883 vom preußischen Kultusministerium ausgeschriebenen “Concurrenz für die Bebauung der Museumsinsel” eingereicht worden waren. Städtebauliche, architektonische, stilistische, vor allem aber auch inszenatorische Fragen waren zu entscheiden. Etwa: Soll der Pergamonaltar künftig vollständig aufgebaut werden wie in der Ausschreibung gefordert, oder nur als Teilaufbau mit den monumentalen Friesen innen an den Saalwänden zu sehen sein, wie es die Jury 1884 empfahl und wie man es seit 1930 gewohnt ist zu sehen?

Der Museumsinselwettbewerb blieb trotz vieler solcher bis heute wirksamer Entscheidungen selbst innerhalb der heutigen Staatlichen Museen weitgehend vergessen. Seit Dezember 2013 erforschte deswegen ein Team aus Nikolaus Bernau (Topoi Fellow 2014), Professorin Bénédicte Savoy, Hans Dieter Nägelke vom Architekturmuseum der TU, Mei-Hau Kunzi, Merten Lagatz und Moritz Dapper sowie 15 Studierenden im Institut für Kunstwissenschaften der Technischen Universität Berlin den Museumsinselwettbewerb und seine Folgen. Das erste Resultat sind das Buch “Museumsvisionen”, das im Sommer 2015 publiziert wird und neben Kurzessays der Studierenden zu den Wettbewerbsentwürfen Texte zum historischen Kontext, zum Wettbewerbswesen im 19. Jahrhundert, zur Sammlungsgeschichte der Berliner Museen enthält. Im Juli 2015 fand eine internationale Tagung an der TU statt, die erstmals das Thema Wettbewerb und Museum betrachtete und eine der ersten überhaupt zur Geschichte von Architekturwettbewerben war. Deutlich wurde bei den Vorträgen, die sich mit Projekten in West-, Mittel und Südeuropa, Ägypten, Russland und Südamerika beschäftigten, dass nicht nur das realisierte Ergebnis für die Architektur-, Kultur- und Museumsgeschichte interessant ist: Aufgrund der einheitlichen Programme, auf die alle Architekten unterschiedlich antworten müssen, geben Wettbewerbe einen einzigartig tiefen Einblick in die gestalterischen und intellektuellen Möglichkeiten oder auch die bildungspolitischen Interessen einer Zeit.

Das wird auch eine am 16. September in der Bauakademie-Kulisse zu eröffnende Ausstellung des „Museumsvisionen“-Teams über den Berliner Museumsinselwettbewerb zeigen. Zu erleben sein werden dabei unter vielem anderen überaus dramatisch gestaltete Zeichnungen, auf denen die Installation ganzer antiker Fassadensysteme für die Abgusssammlung vorgeschlagen wird – die Vorläufer für den Aufbau des Markttors von Milet oder der Prozessionsstraße. Und wer heute die Kuppeln des Bode-Museums bewundert, für Wiedervereinigung der Gemäldegalerie mit der Skulpturensammlung auf und an der Museumsinsel oder für die Wiedergeburt einer großen Berliner Abgusssammlung eintritt, der setzt sich, wenn auch meist noch unbewusst, mit einem Vermächtnis des Wettbewerbs von 1884 auseinander.

Text: Nikolaus Bernau

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