Die Seele ist ein Oktopus

Antike Vorstellungen vom belebten Körper

 

Wo ist ihr Sitz im Körper? Was geschieht, wenn ein Mensch krank wird, und was trägt zu seiner Heilung bei? Antike Mediziner und Philosophen stellten sich Fragen wie diese, um zu verstehen, was der Mensch ist und wie er funktioniert. Dabei kamen sie zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Die Ausstellung “Die Seele ist ein Oktopus. Antike Vorstellungen vom belebten Körper” stellt zentrale antike Auffassungen von physischen und seelischen Vorgängen vor, die zwischen ca. 500 vor und 200 nach Christus entwickelt wurden. Dabei werden vor allem die vielfach rezipierten und kommentierten Ansichten von Aristoteles und Galen aufgegriffen. Aber auch weniger bekannte Positionen werden vorgestellt – zum Beispiel die Vorstellung der Stoiker, die Seele erstrecke sich durch den Körper wie die Arme eines Oktopus‘. Daraus ergibt sich ein faszinierender Einblick in das antike Seelen- und Körperverständnis, der uns nicht nur die Wurzeln einiger unserer heutigen medizinischen Vorstellungen vorführt, sondern auch zum lustvollen Eindenken in alternative Sehweisen einlädt.

Die Seele ist ein Okotpus: Substances | Christoph Geiger

“Substances in Services of the Soul” von Christoph Geiger | © Christoph Geiger

Die Ausstellung wird im Präparatesaal des Medizinhistorischen Museums der Charité gezeigt. Hier hatte bereits der Pathologe Rudolf Virchow die präparierten Beispiele gesunder und kranker Organe quasi topographisch angeordnet und den menschlichen Körper als einen begehbaren Ort inszeniert. Die Ausstellung wird hier nun als eine “friedliche Intervention“ eingetragen und ergänzt Virchows Programm um eine psychische Dimension.

Die Interventions-Objekte wie antike medizinische Instrumente aus der Zeit des 1. Jh. v. Chr. bis zum 3. Jh. n. Chr. oder anatomische Körperteilvotive hängen mit der Lokalisation von körperlichen und seelischen Vorgängen im Körper zusammen, Beispiele attischer Vasenmalerei bringen uns die antiken Menschen und ihren Lebensstil näher. Unter den Objekten sind zahlreiche Leihgaben aus Privatbesitz und wichtigen Museen und Universitätssammlungen.

Vor allem aber setzt die Ausstellung auf großformatige Bilder, die der Berliner Graphiker Christoph Geiger in enger Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Topoi-Forschungsgruppe (D-2) Mapping Body and Soul für die zehn Ausstellungsthemen geschaffen hat. Die Bilder werden zwischen Virchows Präparatevitrinen aufgestellt und beschäftigen sich etwa mit den Organen und Substanzen im Dienste der Seele, mit der Bewegung als Anzeichen von Leben oder mit Seelenkrankheiten, Wahnsinn und mentaler Gesundheit in der Antike. Diese Bilder sind jedoch nicht als Illustrationen der Ausstellungstexte zu verstehen, sondern übertragen als “visual translations“ die Inhalte der Ausstellung ins Visuelle. Sie sollen die Besucher zur genaueren Betrachtung und Beschäftigung mit den Themen einladen. Wir finden, dass diese Gradwanderung gelungen ist und wunderbare, komplizierte, komische und auch verstörende Bilder entstanden sind, die das antike Gedankengut und unsere Interpretationen hervorragend auf den Punkt bringen.

 

Text: Uta Kornmeier

MEHR ZUM THEMA

 

“Die Seele ist ein Oktopus” | Ausstellung im Berliner Medizinhistorischen Museum

Ausstellungseröffnung: 10. Mai 2016

Ringvorlesung zur Ausstellung: 10. Mai, 17:30 Uhr

 


 

Topoi Forschungsgruppe (D-2) Mapping Body and Soul

 


 

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