Genetik und Archäologie

 

Die Genetik ermöglicht neue Einsichten in die Geschichte von Migrationsbewegungen in der Antike. Und auch darüber hinaus: Bei vielen Forschungsprojekten in den Altertumswissenschaften – insbesondere in der Vor- und Frühgeschichte – werden inzwischen Analysen von menschlichem und tierischem Erbgut einbezogen. Doch nur im Zusammenspiel zwischen Natur- und Geisteswissenschaften kann ein umfassendes Bild der Vergangenheit entstehen.

 

Johannes Krause | Foto: Sven Döring

Prof. Dr. Johannes Krause ist Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena.
Foto: Sven Döring

Johannes Krause hat sie seinen Eltern zu Weihnachten geschenkt: eine Analyse ihres Genoms. Das sei sehr interessant für seine Familie gewesen, erzählte der Direktor des Max-Planck-Instituts (MPI) für Menschheitsgeschichte auf einem Vortrag der Topoi-Ringvorlesung “Migration. Wanderungsbewegungen vom Altertum bis in die Gegenwart“ an der Freien Universität Berlin. Sie hätten viel über sich gelernt. Seine Mutter beispielsweise könne kein Bitter schmecken, was ihr noch nie aufgefallen war – sie wusste ja nicht, was sie vermisst.

Für 70 Dollar bekommen Privatpersonen mittlerweile von darauf spezialisierten Firmen eine Analyse des eigenen Genoms. Noch vor einem Jahrzehnt hätte so ein Weihnachtsgeschenk den finanziellen Rahmen der meisten Menschen gesprengt. Zwei Milliarden Dollar kostete die erste Sequenzierung eines menschlichen Genoms und es dauerte dreizehn Jahre, bis alle Informationen ausgelesen waren. Kaum ein Forschungsbereich macht gerade so gewaltige Sprünge in die Zukunft wie die Genetik und ihr Teilbereich der Archäogenetik – die Erforschung prähistorischen und antiken Erbguts.

Während bei einem lebenden Menschen allerdings ein Haar oder eine Speichelprobe genügend DNA für eine Analyse liefert, sieht die Sache bei sehr alten menschlichen Überresten komplizierter aus. Mit der Zeit zerfällt die DNA und wird damit schwieriger zu lesen. Doch es gibt einen Ort im Körper, an dem die Natur sie sicher auch über Jahrtausende bewahrt: die Felsenbeinpyramide. Sie ist wie ein kleiner Tresor: Dieser härteste Knochen des Schädels, der das Innenohr umgibt, enthält bis zu hundertmal mehr körpereigene DNA als andere Teile des Skeletts. Da sie an der Oberfläche jedoch mit der DNA anderer Lebewesen durch Kontakt kontaminiert sein kann, muss der Knochen angebohrt und eine Probe aus dem Inneren entnommen werden. Aus dem so gewonnenen Knochenpuder wird die DNA gelöst und die Sequenz der vier Basen Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin ausgelesen – in einem Gerät, das, wie Krause es beschreibt, “aussieht wie eine Kreuzung aus Waschmaschine und iPad“. Die Ergebnisse, die hinterher am Computer zusammengesetzt, rekonstruiert und analysiert werden, verraten nicht nur, ob der Mensch Bitter schmecken konnte, ob er Laktose vertrug oder welche Haut-, Haar- und Augenfarbe er hatte – sondern auch, woher seine Vorfahren kamen. Denn Frequenzen von bestimmten Nukleotidvarianten (SNPs genannt) lassen sich in vielen Fällen einer Region oder einem Herkunftsgebiet zuordnen.

 

Reinraumlabor Max Planck Institut Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Jena | Foto: © 2016 Holger John Ein Grab des frühen 3. Jahrtausends v. Chr. aus dem Grabhügel "Sugokleja", der 2004 ausgegraben wurde | Foto: A. V. Nikolova, Kiew, Leiterin der Ausgrabung Felsenbein | Foto: Antje Wissgott

Mit dieser Methode konnten Krause und seine Kollegen eine schon lange heiß diskutierte Streitfrage der Archäologie klären: Eroberten im Neolithikum Ackerbau und Viehzucht als Idee Europa nur, weil ein Nachbar sich die neuen Techniken vom nächsten abschaute, oder brachten Menschen sie mit, als sie sich auf dem Kontinent von Osten nach Westen ausbreiteten? Die Antwort der Forscher fiel klar aus: Es waren Menschen, die eine ältere Bevölkerung verdrängten und die neolithischen Techniken mit im Gepäck dabeihatten. Und nicht nur einmal: „Vor 14.000 Jahren kam es zur ersten Einwanderung nach Europa wahrscheinlich von Menschen, die mit denen aus dem heutigen Nahen Osten eng verwandt sind. Vor 8.000 Jahren wanderten erneut Menschen aus dem Nahen Osten ein, vor zirka 5.000 Jahren dann aus Asien.“ Ein friedlicher Marsch von Ackerbauern dürfte diese Einwanderung allerdings kaum gewesen sein. In Europa ersetzten die Gene der Neuankömmlinge bis zu neunzig Prozent des Erbguts der alten Bevölkerung. “Wenn man die Proportionen auf die heutige Situation überträgt, hieße das: Nicht ein paar Millionen Menschen wandern ein, sondern zehn Milliarden.“

Die besondere Überraschung der Studien des Teams war die letzte dieser Einwanderungswellen. Aus der Steppe Osteuropas und Zentralasiens hätten demnach die Neuankömmlinge mit Wagen, Pferden und großen Viehherden den europäischen Kontinent überrollt und die zuvor eingewanderten Ackerbauern verdrängt. So zumindest lässt es die genetische Geschichte der Menschen vermuten. Jedoch nicht alle Archäologen finden diese These überzeugend, denn auch wenn die Einwanderer ihre Gene mitbrachten, ließen sie anscheinend viele kulturelle Merkmale zu Hause. Archäologisch bleibt diese Bevölkerungsverschiebung in weiten Teilen unsichtbar. Warum bestatteten die Einwanderer beispielsweise ihre Toten nicht mehr unter Hügeln, wie es ihnen in der Steppe noch so wichtig gewesen war?

Elke Kaiser | Foto: Bernd Wannenmacher
Prof. Dr. Elke Kaiser ist Professorin für die Archäologie Eurasiens an der Freien Universität Berlin.
Foto: Bernd Wannenmacher

Die Prähistorikerin Elke Kaiser von der Freien Universität Berlin, deren Forschung sich vor allem mit den Steppen Eurasiens beschäftigt, hat denn auch ihre Zweifel: „Ich bin hinsichtlich dieser Schlussfolgerung skeptisch, da ich denke, dass gerade hier die zeitliche Tiefe, die solche Wanderungen haben können, nicht ausreichend berücksichtigt wurde.“ Die Wanderungen, meint sie, erfolgten sicherlich über zahlreiche Zwischenstationen, vermutlich über mehrere Generationen hinweg.

Vor allem aber sagen die Gene, die ein Mensch in sich trägt, am Ende noch lange nichts über sein Selbstverständnis aus. So kann die Archäogenetik den Blick von gelebten Realitäten hin zu einer gesellschaftlich letztendlich unbedeutenden “genetischen“ Vergangenheit verschieben. Oder sie könne gar, fürchten einige, für rassistische Theorien missbraucht werden, wenn die Herkunft als Erklärungsmodell für Verhaltensweisen herangezogen wird. Diese Bedenken teilt Krause keineswegs: “Die Genetik macht wie wenige andere Disziplinen deutlich, dass es keine Grenzen zwischen menschlichen Populationen gibt, nur Gradienten. Zusätzlich kann die Archäogenetik zeigen, wie dynamisch unsere Vergangenheit verlief. Migration und Mobilität waren immer Teil der Menschheitsgeschichte. Und wir können nachweisen, dass Phänotypen wie helle Haut sich erst in den letzten paar tausend Jahren in ganz Europa ausbreiteten. Mit unserer Forschung nehmen wir Rassisten also jegliche Grundlage.“ Noch stehen vielerorts die Berührungsängste zwischen Archäologen und Archäogenetikern einer konstruktiven Zusammenarbeit im Weg. Immerhin bringen beide Seiten – sowohl die Archäologie als auch die Archäogenetik – einen hoch komplexen, für Außenstehende nur schwer zugänglichen Wissenskanon mit sich. “Wir müssen verstärkt ins Gespräch kommen“, fordert Kaiser deshalb stellvertretend für viele Kollegen. “Und natürlich hilft ein Exzellenzcluster wie Topoi, bei dem Raum und Zeit für Austausch gegeben wird, uns dabei.“

Auch Krause lässt sich von seiner Seite aus auf den Dialog ein, im Oktober 2016 organisierte er zusammen mit Kollegen aus der Archäologie den Mitteldeutschen Archäologentag in Halle. Das aktuelle Thema war „Migration und Integration: Von der Urgeschichte bis zum Mittelalter“. „Sowohl in meiner Abteilung als auch am MPI für Menschheitsgeschichte führen wir täglich den Diskurs zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Entscheidend ist es, eine gemeinsame Sprache zu finden und die Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen Disziplin zu erkennen.“

 

Text: Angelika Franz

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“Videoaufzeichnungen sowie Blog-Zusammenfassungen der Vorträge von Elke Kaiser und Johannes Krause in der Ringvorlesung “Migration” finden Sie unter migration.hypotheses.org.

 


Cover Raumwissen issue 18

Dieser Artikel ist im Topoi Magazin RAUMWISSEN, Ausgabe 18 erschienen.
→ Raumwissen Ausgabe 18 online lesen [PDF | 4 MB]

 


 

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