Berlin — Hauptstadt der Antike

Institutionenübergreifende Großforschungsprojekte in den Altertumswissenschaften gab es in Berlin bereits im 19. Jahrhundert – ein kurzer Abriss einer langen Tradition.

 

von Hermann Parzinger

Im Jahre 1830 wurde das von Karl Friedrich Schinkel erbaute Alte Museum eröffnet. Eine Museumskommission unter dem Vorsitz Wilhelm von Humboldts hatte bei der konzeptionellen Gestaltung die Vision eines “Tempels der Kunst” vor Augen, in dem Zeugnisse der Antike ebenso wie Kunstwerke späterer Epochen allein dank ihrer ästhetischen Kraft ihre volle Wirkung entfalten sollten. Nur wenige Jahre später wurde Eduard Gerhard als Archäologe an das Museum geholt. Gerhard hatte in Rom 1829 das Instituto di Corrispondenza Archaeologica, das heutige Deutsche Archäologische Institut, gegründet. Gerhards Berufung stärkte die Forschung und das Sammeln unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten an den Berliner Museen.

Blick von der Baustelle des Humboldt-Forums auf das Alte Museum | Foto: Nina Diezemann

In Bewegung: Die wissenschaftlichen Einrichtungen und Museen in Berlin entwickeln sich ständig weiter. Wo einmal die Kunstkammer im Berliner Schloss war, entsteht nun das Humboldt-Forum. Mit den Objekten aus verschiedenen Gegenden der Welt in neuartiger Präsentationsform soll es ein Ort der Welterkundung und des Dialogs unter den Kulturen werden | Blick von der Baustelle des Humboldt-Forums auf das Alte Museum, Foto: Nina Diezemann

Die Folgezeit, insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, brachte einen unvergleichlichen Aufstieg der Altertumswissenschaften in Berlin: Die Sammlungen mehrten und erweiterten sich auf andere Weltregionen, und zwischen den Museen, der Berliner Universität, der Preußischen Akademie der Wissenschaften und dem Deutschen Archäologischen Institut entstand so etwas wie Institutionen übergreifende Großforschung, und zwar noch bevor die Naturwissen schaften Vergleichbares entwickelten. Die Berliner Museumsinsel stand in besonderer Weise dafür, weil sie sich als “Freistätte für Kunst und Wissenschaft” verstand, als Ort, an dem herausragende, enzyklopädische Sammlungen aller Art der Forschung zur Verfügung standen, zugleich aber auch für die Bildung der Öffentlichkeit nutzbar gemacht werden sollten.

Hermann Parzinger
Der Vor- und Frühgeschichtler Prof. Dr. Dr. hc. mult. Hermann Parzinger ist seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er ist Mitglied des Topoi-Vorstands und mit seinem Forschungsprojekt zu den skythischen Grabhügeln in der Forschungsgruppe (B-2) XXL – Monumentalized Knowledge vertreten. Von 2003 bis 2008 war er Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts. Foto: Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Trotz wirtschaftlicher Not waren die 1920er Jahre noch eine gute Zeit für die Altertumswissenschaften in Berlin, doch die NS-Diktatur und der Zweite Weltkrieg führten zu einem Niedergang von Wissenschaft und Forschung, danach suchten der Osten und der Westen der geteilten Stadt jeweils unabhängig voneinander nach einer neuen Zukunft. Mit der Wiedervereinigung 1990 konnte Berlin jedoch wieder zu einer neuen “Hauptstadt der Antike” wachsen. Die getrennten Sammlungen wurden wieder vereint, ihre Gebäude saniert, neue Infrastrukturen – auch für die Forschung – geschaffen, und der Masterplan Museumsinsel lässt, auch wenn nach über 15 Jahren erst die Hälfte des Weges zurückgelegt ist, bereits erahnen, welch herausragender Ort der Begegnung mit der Antike hier wiederentstehen wird. Das Humboldt-Forum im Berliner Schloss wird die Beschäftigung mit den frühen Zivilisationen der Menschheit dabei noch in eine globale Dimension erweitern. Nirgends sonst werden Forscher und interessierte Öffentlichkeit in einigen Jahren die zivilisatorischen Anfänge des Menschen so umfassend studieren und begreifen können.

Mit dem Berliner altertumskundlichen Exzellenzcluster Topoi und dem Berliner Antike-Kolleg ist gleichzeitig eine neue Qualität der Institutionen übergreifenden Großforschung unter gemeinsamen, übergeordneten Fragestellungen entstanden. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Deutsche Archäologische Institut, die Freie Universität, die Humboldt-Universität, das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren Staatlichen Museen zu Berlin und der Staatsbibliothek zu Berlin schließen damit erfolgreich an die große Zeit der Altertumsforschung in Berlin am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts an und entwickeln sie weiter, um Berlin zu einer neuen ›Hauptstadt der Antike‹ des 21. Jahrhunderts werden zu lassen, was aber nur in enger und partnerschaftlicher Vernetzung mit Forscherinnen und Forschern sowie Wissenschaftseinrichtungen in aller Welt gelingen kann. Hier liegt das neue, große Potenzial Berlins.

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Cover Raumwissen Issue 17

Dieser Artikel ist im Topoi Magazin RAUMWISSEN, Ausgabe 17 erschienen.
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