Flavius Josephus ist noch immer ein schillernder Betrachtungsgegenstand der Forschung und sein Werk kann und sollte immer wieder neu, unter Einbeziehung neuer Theorien und Methoden gelesen werden. Michael Tuval hat 2013 unter dem Titel „From Jerusalem Priest to Roman Jew“ eine Untersuchung zu Josephus vorgelegt, die von einem sich verändernden Verständnis von Judentum innerhalb der gesamten Schaffensperiode ausgeht. Josephus habe eine Entwicklung vom Priester, der ganz auf Jerusalem und den Tempel hin fixiert war, hin zum in der Diaspora lebenden Juden vollzogen und diese Wandlung schlage sich in seinem Werk nieder. Dass sich innerhalb des Josephischen Gesamtwerkes Unterschiede zwischen den einzelnen Schriften ergeben, mag schon auf Grund der mehr als 20 Jahre, die zwischen der Abfassung des Bellum und der Antiquitates liegen, kaum verwundern. Doch hängt dieser Unterschied wirklich mit einer Wandlung vom Priester zum Diasporajuden zusammen? Gibt es diese essentiellen Unterschiede zwischen „Früh-“ und „Spätwerk“ tatsächlich, wie Tuval konstatiert, oder lässt sich doch ein kontinuierlicher, sich durch alle Werke ziehender roter Faden ausmachen? Verändert eine Lektüre unter dem Gesichtspunkt der Metamorphose des Autors die Interpretation der Texte und führt zu neuen Erkenntnissen? Oder kann überhaupt nicht von einer Entwicklung des Josephus als Autor gesprochen werden, da vielmehr jedes Werk für sich steht, mit einem spezifisch intendierten Ziel, ohne größeren Zusammenhang im Gesamtwerk?