Zu den wohl bemerkenswertesten griechischen Vasen, auf denen Interaktion und Kommunikation eine herausragende Rolle spielen, gehören Darstellungen der (griechischen) Komödie aus Unteritalien und Sizilien, die zwischen 420 und 300 v.Chr. zu datieren sind. Etwa 200 dieser rotfigurigen Vasen wurden in den griechischen Kolonien Unteritaliens und Siziliens, in deren Umland wie auch in indigenen Siedlungen gefunden: Die Bilder entstanden somit in einem kulturellen Spannungsfeld zwischen griechischen und italischen Kulturen. Aufgrund mangelnder schriftlicher und archäologischer Quellen ist es nur schwer möglich, „griechische“ von „indigenen“ Elementen zu trennen, weshalb sich die Forschung bislang vornehmlich auf die Abhängigkeit der Bilder von der attischen Komödie und deren Aufführungspraxis auch in der Magna Graecia konzentrierte. Insofern werden Komödienvasen als Zeugnisse des visuellen Aspekts der ansonsten rein literarisch überlieferten griechischen Komödie angesehen bzw. zur Rekonstruktion möglicher Komödienstoffe der literarisch nur fragmentarisch erhaltenen Mittleren Komödie eingesetzt, welche zeitlich die Blütezeit der Komödienvasen umfasst. Hierbei spielen Beischriften auf den Vasenbildern eine nicht unbedeutende Rolle, da durch sie die agierenden und interagierenden Figuren benannt und somit Rückschlüsse auf die der Szene zugrunde liegende Handlung gezogen werden können.

Eine eingehende ikonographische Analyse der Bilder an und für sich, nicht unter rein theaterhistorischer Prämisse und mit einem Schwerpunkt auf Elementen der Interaktion und Kommunikation sowie deren vielschichtiger Semiotik ermöglicht nun eine neue Perspektive auf unteritalische und sizilische Komödienvasen. Figuren, dargestellte Objekte, die Interaktion durch Gestik und Körpersprache der Figuren bilden zusammen ein komplexes Geflecht von Bildelementen und rufen zugleich unterschiedliche „Deutungsrahmen“ beim Rezipienten auf: Sie werden mit seinen Erfahrungen, Erwartungen und Vorkenntnissen auf inhaltlicher wie struktureller Ebene abgeglichen und führen zu einer aktiven, individuellen Ausdeutung, die stets vom Gesamtkontext des Bildes abhängig ist. Dabei überlappen sich mehrere „Deutungsrahmen“ im Bild, bzw. können diese durch mehrdeutig interpretierbare Bildelemente vom Betrachter miteinander verknüpft werden. Durch das Zusammenspiel von Bildelementen und „Deutungsrahmen“ wird bei der Interpretation des Bildes ein komisches Narrativ erzeugt, das über die reine Repräsentation einer von der Forschung angenommenen „realen“ Komödienszene der antiken Aufführungspraxis hinausgeht. Hierdurch wird auch eine erweiterte Funktion der Beischriften bzw. Inschriften der Vasenbilder ersichtlich, die ebenfalls „Deutungsrahmen“ beim Rezipienten aufrufen können, abhängig von dessen Vorwissen und Erfahrungswelt.

Im Vortrag wird untersucht, inwiefern Texte – d.h. Inschriften oder Beischriften – in das Vasenbild integriert werden, inwieweit sie selbst als Bildelemente der Gesamtkomposition angesehen werden können und auf welche Weise sie mit anderen Bildelementen interagieren. Hierdurch soll gezeigt werden, wie im Zusammenspiel von Bild und Text „Deutungsrahmen“ aktiviert werden und wie dadurch ein komisches, multimodales Narrativ erzeugt wird.