Das A-II-Teilprojekt von W. Schier stellt ein reines Analyseprojekt dar, das sich auf den nördlichen Schwarzmeerraum mit angrenzenden Regionen und die Zeit zwischen 3.500 und 2.000 cal BC konzentriert und dessen wissenschaftliche Synthese zu großen Teilen bei Elke Kaiser liegt.

Geschichte

Der nordpontische Steppenraum war in den genannten anderthalbtausend Jahren von mindestens drei aufeinanderfolgenden archäologischen Kulturen besiedelt, die vorwiegend anhand von Grabfunden definiert wurden. Den Tausenden von Grabhügeln stehen einige Dutzend kleinerer Siedlungen gegenüber, deren Tierknochenspektren einen Übergang zu einer auf Rindern basierenden Viehzucht um 3.000 cal BC belegen. Mehr oder weniger zeitgleich mit diesem Wechsel in der Subsistenzwirtschaft ist eine neue, homogene Grabkonstruktion in den Grabhügeln festzustellen, die nicht nur auf die osteuropäische Steppe begrenzt bleibt, sondern sich auch auf das Karpaten-Balkan-Gebiet ausdehnt. Diese für Südosteuropa ungewöhnlichen Gräber werden meist als Ergebnis von Emigrationen aus dem Steppenraum angesehen, wobei über die Populationsgröße der Auswanderer und ihre Auswirkungen auf die einheimische Bevölkerung in der Zielregion bislang nur spekuliert werden konnte.

Methoden und Ziele

Da die archäologischen Argumente bezüglich der Frage nach Migrationen ausgetauscht sind versprechen die Anwendung von isotopenchemischen Verfahren neue Erkenntnisse: die Untersuchung von bestimmten Isotopen erlaubt Rückschlüsse auf die Mobilitätsformen der Steppenbevölkerung. So werden die Isotopenwerte von 87/86Strontium und 18Sauerstoff an menschlichen Zähnen gemessen, um zu erkunden, ob das jeweilige Individuum nach dem Ende seiner Jugend einen Ortswechsel vorgenommen hat bzw. bereits in der Kindheit seinen Aufenthaltsort geändert hat. Auf Rinder basierende Viehzucht, die offenbar um 3.000 cal BC einsetzte, stellt eine markante Spezialisierung in der Subsistenzform dar, die Folge eines Innovationsprozesses ist und außerdem häufig nur in Form von mobiler Weidewirtschaft als effektiv angesehen wird. Entsprechend sollte sich in den Isotopenverhältnissen der zu untersuchenden Individuen aus den Grabhügeln einer Lokalität eine Veränderung ab 3.000 cal BC feststellen lassen. Die bislang vorliegenden Messergebnisse von 87/86Strontium für verschiedene Grabhügelnekropolen in den heutigen Staatsterritorien von Ungarn, Bulgarien, Ukraine und Russland ergeben unterschiedliche Mobilitätsmuster der in diesen Lokalitäten Bestatteten.

A-II Map with the burial mound sites

Map with the burial mound sites from which samples were taken (blue: time periods 1-3 red: time period 4-1 central Ukraine; 1 eastern Ukraine; 3 middle Volga area; 4 Kalmykia; 5 Olennyi; 6 southwest Ukraine; 7 Bulgaria; 8 Hungary; 9 Uivar; 10 Scythian kurgans in southern Ukraine; 11 Sakian graves in Semirechye; 12 Scythian graves of Arzhan and others)

Neuere Forschungen zu Isotopenverhältnissen zeigen, dass klimatische Bedingungen starke Auswirkungen auf erstere haben können. Zudem wird auch der Übergang zu einer spezialisierten, mobil betriebenen Viehzucht mit Umschwüngen beim Klima und Veränderungen der Paläolandschaften erklärt. In einer ersten Pilotstudie hat Janina Körper (Research Group A-III-1) die Niederschlagsmengen und Temperaturen für den westlichen eurasischen Raum für die Zeit zwischen 6.000 BP bis 2.000 BP simuliert. Die Klimasimulationen zeigen als erstes auffälliges Ergebnis einen deutlichen Einschnitt um 5.200 BP, also die Zeit, in der allmählich auf spezialisierte Viehzucht übergegangen wurde. Ob die Veränderungen insbesondere im Niederschlag eine derartige Wirkung auf die menschliche Subsistenzwirtschaft gehabt haben können, gilt es noch weiter zu erforschen. Parallel dazu werden in Zusammenarbeit mit einer Doktorandin von Brigitta Schütt Proxydaten für eine Paläolandschaftsrekonstruktion im westlichen Eurasien zusammengetragen.